- Diese Veranstaltung hat bereits stattgefunden.
Kybernetik und Kritik. Eine Theorie digitaler Regierungskunst

Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski im Gespräch mit Roland Meyer
Unsere Gegenwart, in der Technologie und Wissen exponentiell an Bedeutung gewinnen, ist zugleich auch eine Zeit ungebremster Krisen – nicht zuletzt ausgelöst dadurch, dass sich die ungleiche Verteilung von Ressourcen rasant zuspitzt. Interessant wird es, wenn nicht diese Ungleichverteilungen als Problem adressiert werden – sondern stattdessen (meist lukrative) Möglichkeiten geliefert werden, die daraus entstandenen Krisen zu «managen».
Der Begriff «Lösungsorientierung» kann also ein Denken kennzeichnen, das eher an Marktbedürfnissen als an der demokratischen Aushandlung der Interessen von Vielen orientiert ist. Das Versprechen, die Macht der Technologie für das Gemeinwohl zu nutzen, gab Unternehmer:innen in dem Moment, als klar wurde, dass die kapitalistische Wirtschaftsweise eher soziale Probleme verursacht, als sie zu lösen, ihre Legitimität zurück – so die Soziologen Oliver Nachtwey und Timo Seidl. Sie argumentieren, dass dieser Solutionismus den «Geist des digitalen Kapitalismus» kennzeichnet, d.h. die Überzeugungen, die das Handeln heutiger digitalen Eliten (Gründer:innen, Risikokapitalgeber:innen, leitende Ingenieur:innen, Manager:innen usw.) legitimieren, motivieren und ausrichten.
Evgeny Morozov definiert den Solutionismus als eine Ideologie, die «alle komplexen sozialen Situationen entweder als sauber definierte Probleme mit definitiven, berechenbaren Lösungen oder als transparente und selbstverständliche Prozesse umgestaltet, die leicht optimiert werden können – wenn nur die richtigen Algorithmen vorhanden sind». Soziale Probleme erscheinen so nicht mehr als Ergebnis von Macht- oder Vermögensasymmetrien, sondern als Ergebnis von Ineffizienzen und Mängeln: Sei es die Klimakrise, der Hunger oder demotivierte Mitarbeiter:innen, passend zu jedem gesellschaftlichen Nagel existiert ein technologischer Hammer. Hämmer, die wiederum auf die Suche nach Nägeln gehen müssen, um legitim zu bleiben.
Universität Zürich, Raum KUM E 1/2/3, Künstlergasse 15 a, 8001 Zürich